Use Case

5 Szenarien, 1 Entscheidung: Colli-Verteilung auf 8.500 m² mit und ohne Sortieranlage

Ein zentraler Stückgut-Hub mit 93 Toren und 1.273 Colli pro Nacht: Lohnt sich die Sortieranlage noch – oder gibt es effizientere Alternativen?

BrancheStückgut-Hub / Umschlag
Ergebnis225 m² Flächeneinsparung, geringste Jahreskosten im Bestand

Ausgangssituation

Der zentrale Umschlag-Hub eines Stückgutnetzwerks in Mitteldeutschland bildete das logistische Drehkreuz für 46 Regionalbetriebe. Die Hallenfläche umfasste 8.500 m², verteilt auf 93 Tore – davon 20 für die Entladung, 66 für die Beladung und 6 im Thermobereich. Pro Nacht wurden durchschnittlich 1.273 Colli umgeschlagen, wobei 80 % auf internationale und 20 % auf nationale Sendungen entfielen.

Im Zentrum der Abwicklung stand eine Unterflur-Colli-Sortieranlage, die zweimal pro Schicht in Betrieb genommen wurde und 781 m² Hallenfläche beanspruchte. Für den Betrieb der Anlage waren 11 Mitarbeiter pro Schicht erforderlich. Die Problemlage war vielschichtig:

  • Die Sortieranlage beanspruchte knapp 9 % der Gesamtfläche und verengte die Fahrwege für Flurförderfahrzeuge erheblich.
  • In der Hochphase der Entladung – zwischen 21 und 23 Uhr – band die Anlage 6 Mitarbeiter, die dann für die Verteilung auf die Relationsplätze fehlten. Die Folge: volllaufende Entladezonen und stockende Entladeprozesse.
  • Die jährlichen Betriebskosten lagen bei 55.429 EUR – zusammengesetzt aus Lohnkosten (44.934 EUR) sowie Wartungs- und Instandhaltungskosten (10.495 EUR).

Die zentrale Fragestellung lautete: Kann die Colli-Verteilung kosteneffizienter und flächensparender organisiert werden?

Vorgehensweise

Die Analyse folgte einem strukturierten Verfahren: Zunächst wurde der IST-Prozess vollständig dokumentiert und zeitlich bewertet. Anschliessend wurden fünf Alternativszenarien entwickelt, kalkuliert und gegenübergestellt.

IST-Analyse: Die Prozesszeit je Colli wurde mit 0,52 Minuten ermittelt. Jeder Teilprozess – vom Auflegen auf das Band über die No-Read-Bearbeitung bis zum Folieren der Mischpaletten und Verbringen auf die Relationsplätze – wurde einzeln gemessen und dokumentiert. Der tägliche Personalaufwand betrug 14,5 Stunden, verteilt auf 6 Mitarbeiter in der Hochphase.

Szenario 1 – Prozessoptimierung mit bestehender Anlage: Kontinuierlicher Betrieb der Sortieranlage (statt zweimaligem Start-Stopp) und Reduktion von 11 auf 6 Mitarbeiter. Ergebnis: Kosten bleiben bei 55.429 EUR/Jahr, aber die Arbeitsunterbrechungen und Wegezeiten reduzieren sich um 1.035 EUR/Jahr.

Szenario 2 – U-Parallel (ohne Anlage): Manuelle Verteilung in U-förmiger Parallelanordnung mit Mischpaletten. Zwei Mitarbeiterbereiche: 2,35 FTE im U-Bereich (16,4 Stunden Produktivzeit) und 0,9 FTE im Wareneingang. Kosten: 91.522 EUR/Jahr. Die höheren Personalkosten resultierten aus den langen Laufwegen von durchschnittlich 10,95 m pro Colli im U-Bereich.

Szenario 3 – U-Gegenüber (ohne Anlage): Die gegenüberliegende U-Anordnung reduzierte die Fläche auf 322 m². Durch kürzere Wege und Einsatz von Handhubwagen sanken die Kosten auf 85.652 EUR/Jahr bei 2,37 FTE im U und 0,69 FTE im Wareneingang.

Szenario 4 – U-Parallel mit Durchlaufregal (ohne Anlage): Dieses Szenario kombinierte die U-Form mit einem Durchlaufregalsystem zur exakten Vorsortierung der Colli nach Relation. Jedes Regalfach war mit der jeweiligen Relationsnummer beschriftet. Kommissionierwagen dienten der Verteilung im U-Bereich. Fläche: 555 m². Kosten: 64.578 EUR/Jahr bei 1,01 FTE im U und 1,28 FTE im Wareneingang.

Szenario 5 – U-Parallel mit Kugeltisch (ohne Anlage): Grobe Vorsortierung über einen Kugeltisch (30 m², ca. 32 Colli Kapazität), dann Feinverteilung per Kommissionierwagen. Fläche: 432 m². Kosten: 68.844 EUR/Jahr. Anschaffungskosten des Kugeltischs: ca. 65.000 EUR.

Ergebnisse

Die vergleichende Analyse lieferte ein differenziertes Bild:

Szenario Fläche Kosten/Jahr MA-Bedarf Zeit/Colli
IST (mit Anlage) 781 m² 55.429 EUR 11 MA, 1,02 h 0,52 min
Optimiert (mit Anlage) 781 m² 55.429 EUR 6 MA, 1,87 h 0,52 min
U-Parallel variabel 91.522 EUR 3,25 FTE 0,76 min
U-Gegenüber 322 m² 85.652 EUR 3,06 FTE –
U-Parallel mit Regal 555 m² 64.578 EUR 2,29 FTE 0,76 min
U-Parallel mit Tisch 432 m² 68.844 EUR 2,44 FTE 0,81 min

Die Handlungsempfehlung war zweistufig: Kurzfristig den bestehenden Prozess mit Sortieranlage weiter nutzen, da dieser die geringsten Jahreskosten aufweist. Für den Fall eines Anlagenausfalls oder einer notwendigen Neuanschaffung ist das Szenario U-Parallel mit Durchlaufregal die wirtschaftlich sinnvollste Alternative. Es bietet 225 m² Flächeneinsparung, eliminiert die Abhängigkeit von der Sortieranlage, spart langfristig Maschinenkosten (Wartung, Strom, Neuanschaffung) und reduziert die innerbetrieblichen Transportwege auf null.

Darüber hinaus zeigte die Gesamtanalyse des Hubs: Die gewerblichen Prozesse erreichten in den Einzelprozessen gute bis sehr gute Benchmarkwerte. Ein Produktivitätspotenzial von rund 20 % lag vor allem in den Schichtrandzeiten und der Kapazitätssteuerung. Die realistische Gesamtleistungsfähigkeit des Hubs wurde auf knapp 7.000 Colli pro Schicht beziffert – mit einer möglichen Erweiterung um 15 bis 18 zusätzliche Ausgangsrelationen.

Fazit

Die Analyse verdeutlicht, dass die Entscheidung für oder gegen eine Colli-Sortieranlage nicht pauschal getroffen werden kann. Sie hängt von der spezifischen Hallenkonfiguration, dem Volumen, der Colli-Struktur und der Kostenstruktur ab. Erst eine prozessbasierte Bewertung aller Alternativen – mit exakter Zeitermittlung, Laufweganalyse und Flächenberechnung – liefert eine belastbare Entscheidungsgrundlage. Die Erfahrung zeigt: In vielen Fällen sind manuelle Verteilkonzepte mit intelligenter Vorsortierung der technisch anspruchsvollen Sortieranlage wirtschaftlich überlegen.

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