Use Case

110 Tore, 18 Hallenprozesse, 77,8 % Auslastung: Wie ein Stückgutlogistiker operative Steuerungsfähigkeit gewann

Ein mittelständischer Stückgutlogistiker ließ sämtliche Hallenprozesse zeitlich bewerten und deckte eine Lücke von über 12 Prozentpunkten zum Branchenzielwert auf.

BrancheStückgutlogistik
ErgebnisAuslastungslücke quantifiziert: 77,8 % IST gegenüber über 90 % Branchenzielwert

Ausgangssituation

Der Standort gehört zu einem etablierten Stückgutlogistiker in Südniedersachsen. Die Umschlaghalle mit 110 Toren, knapp 3.700 Quadratmetern Stellfläche und drei Hallenbereichen bildet das operative Zentrum für den regionalen Nahverkehr und den nationalen Fernverkehrsumschlag. Im Nahverkehr werden täglich rund 1.220 Zustellsendungen und 1.324 Abholsendungen abgewickelt. Ein Pool von rund 19 Unternehmern mit 43 Fahrzeugen ergänzt die eigene Disposition.

Das grundlegende Problem: Die operative Steuerung basierte auf Erfahrungswerten. Prozesszeiten waren weder systematisch erfasst noch standardisiert dokumentiert. Der Zusammenhang zwischen Sendungsvolumen und tatsächlichem Personalbedarf war nicht messbar. Die Auslastung des operativen Hallenpersonals lag bei 77,8 Prozent – deutlich unter dem Branchenzielwert von über 90 Prozent für den Stückgutumschlag. Ob und wo die fehlenden Prozentpunkte verloren gingen, war nicht nachvollziehbar.

Hinzu kam, dass die Hallenkapazität nie belastbar beziffert worden war. Weder der maximale Sendungseingang noch der maximale Sendungsausgang waren als Grenzwert definiert. Entscheidungen über Personalstärke und Schichtbesetzung – insbesondere in der Nachtschicht ab 23 Uhr und der Frühschicht ab 4 Uhr – fielen ohne analytische Grundlage.

Vorgehensweise

ROTH Logistikberatung setzte einen dreistufigen Ansatz um: vollständige Prozessaufnahme, Benchmarking der Einzelprozesse und Ableitung einer Produktivitätssteuerung mit definierten Hallengrenzwerten.

Schritt 1 – Prozesserfassung vor Ort: Innerhalb des Analysezeitraums im ersten Halbjahr 2021 wurden alle 18 Hallenprozesse im Detail dokumentiert und zeitlich bewertet. Jeder Prozess – von der Fernverkehrsentladung über die Nahverkehrsvorladung bis zur nationalen und Exportverladung – wurde in seine Einzeltätigkeiten zerlegt und mit exakten Prozesszeiten je Bezugsgröße hinterlegt. So ergab die Entladung im Fernverkehr eine Prozesszeit von 2,32 Minuten je Colli, die Verladung National lag bei 1,28 Minuten je Colli, die Verladung Export bei 1,60 Minuten je Colli.

Parallel wurden die Nahverkehrsprozesse analysiert. Die Disposition Zustellung beanspruchte täglich 3,5 bis 4 Stunden, die Fahrer-Abfertigung 2,5 bis 3 Stunden, die Begleitung Zustellung 5 bis 7 Stunden und die Abholdisposition 10 bis 12 Stunden – wobei der Großteil auf Kommunikationsaufwand entfiel.

Schritt 2 – Benchmarking: Die ermittelten Prozesszeiten wurden mit der ROTH-eigenen Benchmark-Datenbank abgeglichen. Im Hallenumschlag zeigte sich unter anderem: Die Autobahn-Geschwindigkeit der Flurförderfahrzeuge lag bei 10,2 km/h – im oberen Benchmarkbereich. Die Colli je Bewegung mit der Ameise betrugen 1,14, mit der Langgabel 1,82. Die Entladezeit je Bewegung lag bei 46 Sekunden, was dem Benchmark-Mittel entspricht. Der längste Hin- und Rückweg zu den Relationsplätzen betrug 168 Meter.

Im Nahverkehr wurde die Prozesszeit je Sendung ermittelt: 0,59 Minuten je Sendung in der Zustellung und 0,42 Minuten je Sendung in der Abholung. Der Vergleich mit zwei Benchmarkpartnern – Speditionsbetriebe mit vergleichbaren Sendungszahlen und ähnlichem Zustellgebiet – ergab, dass der Standort gleichauf oder über dem Benchmarkpartner mit vollständiger Eigendisposition lag.

Schritt 3 – Produktivitätssteuerung und Grenzwertermittlung: Aus den Prozesszeiten und den täglichen Mengen wurde der SOLL-Mitarbeiterbedarf berechnet. Im Nahverkehr ergab die Berechnung bei 325 Produktivminuten je FTE einen Bedarf von 2,2 FTE für die Zustellung und 1,7 FTE für die Abholung – die Kernprozesse des Nahverkehrs sind somit mit 4 FTE abwickelbar.

Für die Halle wurden erstmals belastbare Grenzwerte definiert: Der Sendungseingang (SE) ist auf 2.300 bis 2.800 Colli täglich begrenzt – abhängig vom aktuellen Überhang. Im Sendungsausgang (SA) liegt der realistische Grenzwert bei 4.500 bis 5.000 Colli pro Tag. Für die Verladung wurde ein Leistungsgrenzwert von 40 bis 41 Colli pro Mitarbeiterstunde ermittelt, für die Entladung 67 Colli pro Mitarbeiterstunde.

Die nationale Verladung wurde in 13 Verladepakete aufgeteilt, mit durchschnittlich 224 Colli je Verlader bei einem Tagesvolumen von 2.917 Colli. Bei einem Verladezeitfenster von 7 Stunden ergibt sich eine mögliche Kapazität von 280 Colli je Verlader – der Stundenbedarf je Verlader liegt bei 5,6 Stunden.

Ergebnisse

  • 18 Hallenprozesse vollständig dokumentiert mit exakten Prozesszeiten je Colli als Steuerungsgrundlage
  • Auslastungslücke quantifiziert: 77,8 Prozent IST-Auslastung gegenüber dem Branchenzielwert von über 90 Prozent – die Differenz zeigt das konkrete Optimierungspotenzial
  • Hallengrenzwerte erstmals definiert: 2.300 bis 2.800 Colli Eingang (SE), 4.500 bis 5.000 Colli Ausgang (SA) als Kapazitätsobergrenzen
  • Leistungskennzahlen für die Schichtplanung: 67 Colli/MA-Stunde Entladung, 41 Colli/MA-Stunde Verladung National
  • Nahverkehr auf 4 FTE dimensioniert für die Kernprozesse Zustellung und Abholung
  • 13 nationale Verladepakete mit 224 Colli je Verlader als Basis für die tägliche Verlader-Einteilung
  • Benchmarkposition ermittelt: Nahverkehrsdisposition auf Niveau oder über vergleichbaren Betrieben; Hallenproduktivität im Einzelprozess gut, in der Gesamtauslastung mit Potenzial

Fazit

Der Fall illustriert ein Grundproblem im Stückgutumschlag: Einzelne Prozesse können benchmarkfähig sein, während die Gesamtproduktivität dennoch deutlich unter dem Zielwert liegt. Die Ursache liegt in der Schichtplanung, der Hallenorganisation und den Übergangszeiten zwischen den Prozessen – Bereiche, die nur sichtbar werden, wenn jeder Hallenprozess einzeln gemessen und mit dem Gesamtbild abgeglichen wird.

Die vollständige Prozessaufnahme mit Benchmarking lieferte dem Standort erstmals eine belastbare Steuerungsgrundlage: definierte Grenzwerte für Eingang und Ausgang, Leistungskennzahlen je Prozess und einen kalkulierbaren Personalbedarf. Damit ist der Wechsel von erfahrungsbasierter zu kennzahlenbasierter Steuerung möglich – die Voraussetzung, um die Lücke zwischen 77,8 und über 90 Prozent Auslastung systematisch zu schließen.

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