Use Case
Depotsystem und Versandlogistik: 11 Depots im Benchmark, 15 KPIs für die Kostenwahrheit
Wie eine systematische Depoterhebung die tatsächlichen Umschlagkosten je Collo ermittelt – und warum der Standardverrechnungssatz nur ein Teil der Wahrheit ist.
Ausgangssituation
Ein Stückgutnetzwerk mit bundesweiter Zustellstruktur stand vor der Herausforderung, seine Vergütungsmodelle für den Sammelguteingang zu überarbeiten. Die bestehende Vergütungsstruktur basierte auf Standardverrechnungssätzen, die 2013 ermittelt worden waren. Seitdem hatten sich Personalkosten, Gebäudekosten und Strukturkennzahlen erheblich verändert. Eine Aktualisierung war überfällig – doch dafür fehlte eine belastbare Datenbasis.
Die zentrale Frage: Was kostet der Umschlag eines Collos tatsächlich – und welche Kostentreiber stecken hinter den Unterschieden zwischen den einzelnen Depots?
Vorgehensweise
ROTH Logistikberatung führte eine umfassende Depoterhebung durch, bei der 11 Referenz-Depots des Netzwerks nach einer einheitlichen Methodik analysiert und verglichen wurden.
Schritt 1: Strukturierte Datenerhebung in 11 Depots
Für jedes Depot wurden die relevanten Kosten- und Leistungsdaten erhoben. Die Abfrage umfasste vier Blöcke:
- Direkte Kosten: Lohnkosten (AG-Brutto), Gebäudekosten inkl. Kaltmiete, Rangier- und Hofdienstkosten, sonstige direkte Kosten
- Produktivität: Anzahl FTE, Gesamtstunden, Anteil unproduktiver Zeit, Produktivstunden
- Strukturdaten: Umschlagsfläche in Quadratmetern, Hoffläche, umgeschlagene Tonnage, Sendungen und Colli, Anteil NIP- und Nah-Nah-Sendungen
- Umschlagverfahren: Art der FV-Entladung (fest/flexibel), Sortierverfahren, NV-Beladung (Block/Einzelplatz)
Zusätzlich wurde der zeitliche Verlauf der Fernverkehrseingänge je Depot erfasst, um die Auslastungsstruktur im Schichtverlauf abzubilden.
Schritt 2: KPI-Berechnung und Benchmark
Aus den Rohdaten wurden 15 Kennzahlen berechnet, die ein vollständiges Bild der Umschlagkosten je Depot ergeben:
- Umschlagleistung: Die Spannbreite lag zwischen 12 und 24 Colli pro Stunde. Der Durchschnitt über alle 11 Depots betrug 19 Colli pro Stunde. Die SE-Produktivität liegt erfahrungsgemäß rund 30 Prozent über der SA-Produktivität.
- Personalkosten je Collo: Die Werte reichten von 1,14 Euro bis 2,18 Euro pro Collo. Der IDS-Schnitt lag bei 1,26 Euro. Diese Kennzahl ist der Kern des Standardverrechnungssatzes.
- Gebäudekosten: Zwischen 5 und 14 Euro pro Quadratmeter Monat, abhängig von Standort und Gebäudealter. Der Anteil der Hallenkosten, der dem Sammelguteingang zugerechnet wird, variierte zwischen 25 und 100 Prozent.
- Hallenbedarf: Durchschnittlich 3 Quadratmeter pro Collo, zusammengesetzt aus Stellfläche für NV-Relationen (40 Prozent) und Entlade- sowie Fahrwegen (60 Prozent).
- Rangierkosten: Zwischen 0,07 und 0,25 Euro pro 100 Kilogramm, stark abhängig von der Terminalstruktur und der Hofflächengröße.
Schritt 3: Ermittlung des Gesamtkostensatzes
Der Standardverrechnungssatz setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: Personalkosten je Collo plus Umschlagkosten je 100 Kilogramm. Auf Ebene der einzelnen Sendung ergibt sich der Umschlagkostensatz aus der Kombination beider Größen – unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Colli pro Sendung (1,7) und der durchschnittlichen Kilogramm pro Sendung (264).
Der ermittelte Umschlagkostensatz pro Sendung betrug im IDS-Schnitt 4,42 Euro – gegenüber 3,92 Euro im Benchmark von 2013, ein Anstieg von rund 13 Prozent in fünf Jahren.
Ergebnisse
- Aktualisierter Standardverrechnungssatz auf Basis von 11 Referenz-Depots: 1,26 Euro pro Collo (Personalkosten) plus 0,68 Euro pro 100 Kilogramm (Umschlagkosten)
- Transparenz über Kostentreiber: Gebäudekosten und Personalkosten-Produktivität als zentrale Differenzierungsfaktoren zwischen den Depots identifiziert
- Regionalisierungsindex: Berücksichtigung regionaler Unterschiede bei Einkommensniveau (stationär) und Mietniveau (50 Prozent Gewichtung)
- Entscheidungsgrundlage für die Vergütungsverhandlungen 2020 mit allen Netzwerkpartnern
Fazit
Die Vergütung im Stückgutnetzwerk kann nur dann fair und nachhaltig gestaltet werden, wenn die tatsächlichen Kostenstrukturen bekannt sind. Ein einzelner Verrechnungssatz verdeckt die erheblichen Unterschiede zwischen den Depots – in der Produktivität, in den Gebäudekosten und in den Strukturen. Die Depoterhebung von ROTH Logistikberatung schafft die notwendige Transparenz: nicht als theoretisches Modell, sondern auf Basis realer Betriebsdaten aus 11 Standorten. Die Methodik ist reproduzierbar und kann in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden, um die Vergütungsmodelle an die tatsächliche Kostenentwicklung anzupassen.